Stadt der Vernunft

Bild aus: Ralf Moser | Mannheim im Quadrat | Stadt der Vernunft | 2010 |
Stadt der Vernunft als Welttheater
Erzählt die Geschichte der Zivilisation in Form von Metalogen. In Stadt der Vernunft wandelt sich die sumerische Göttin Inanna zur allwissenden Erzählerin und zur Göttin des lebenslangen Lenens.
Theatrum mundi 42 (TM42)
Theatrum mundi 42 ist die Medienplatform der Ateliers im Delta, auf der wir Carpe Diem et Noctem, Stadt der Vernunft, den Wegweiser für kluge Avantgardisten, Mein christliches Testament und die AiD Editionen von Hannah und Ralf Moser in Szene setzen.
Die Bühne, die uns die Welt bedeutet
[Die allwissende Erzählerin, mit der Leidenschaft, die Pflicht erfüllt]: Stadt der Vernunft setzt den erzählerischen Kontext für den Wegweiser für kluge Avantgardisten und den Kompass für Lebenskünstler. Stadt der Vernunft erzählt die Geschichte der Zivilisation und der Stadtgesellschaften und führt zu einer Erkenntnislehre der Zivilisation.
[Die allwissende Erzählerin, mit der Gelassenheit der ersten Venus]: Die Geschichte, die ich euch erzähle, beginnt in der Stadt der Vernunft des lebenslangen Lernens und führt zurück zum heiligen Hügel der namenlosen Götter, auf dem die erste Stadt der Vernunft entstand. Lange vor meiner Zeit brachten die namenlosen Götter Ackerbau, Viehzucht und die Zivilisation hervor. Damals hatte der Anfang von Himmel und Erde noch keinen Namen. Doch wir beginnen in der zukünftigen Stadt der Vernunft des lebenslangen Lernens – und blicken von dort zurück.
[Die allwissende Erzählerin, in der Rolle des allwissenden Erzählers auf der Metametaebene erzählend]: Die allwissende Erzählerin steht neben dem Rosengarten und blickt auf den Wasserturm der Stadt der Vernunft. Einen Moment lang verharrt sie – dann beginnt sie, einen Metalog zu erzählen.
[Die allwissende Erzählerin, sich im Selbstgespräch an die Hierarchie der Metakontexte wendend]: Werden wir es in dieser Stadt schaffen, die Vernunft des lebenslangen Lernens zu etablieren?
[Kontext]: Wir sind kein Orakel.
[Metakontext]: Wir sind eine Form deiner Selbstbetrachtung.
[Metametakontext]: Wir helfen dir, Lernen zu lernen – und dieses Lernen über weitere Metastufen hinweg fortzusetzen.
[MAKEORBUY, der oberste Metakontext von allen]: Wir sind die Götter der Modellbildung. Wir spiegeln deine Annahmen über mehrere Ebenen hinweg – als Wahrheitssemantik deiner jeweiligen Gegenwart. Das solltest du inzwischen wissen. Du bist nicht mehr die Stadtgöttin von Uruk, sondern die Göttin des lebenslangen Lernens.
[Die allwissende Erzählerin, genervt]: Ich weiß.
[Die allwissende Erzählerin, schnippisch ans Publikum gewandt]: Dann fangen wir eben damit an, dass am Anfang kein Wort, sondern ein Kontext stand.
Die Kulturgeschichte der Stadt der Vernunft beginnt an ihren vorläufigen Ende:
Stadt der Vernunft des lebenslangen Lernens!

[Die allwissende Erzählerin, stolz]: Einst war ich in Uruk die mächtigste Gottheit von allen. Mein Name war Inanna und ich war die Herrin über Himmel und Erde, Leben und Tod. Ich schuf die kosmische Ordnung, Raum und Zeit sowie die Zyklen, die die Welt bedeuten.
[Die allwissende Erzählerin, selbstbewusst]: So mächtig war ich nicht von Beginn an. Ich schuf Tag und Nacht, das sumerische Reich und sein Zentrum, das Eanna, in einem Zug, indem ich das Himmelshaus meines Urgroßvaters An für die Erde aus dem Himmel holte. Seither bringe ich als Morgenstern das Licht, herrsche über den Tag, begleite als Abendstern den Übergang zur blauen Stunde und regiere als erste Tochter des Mondes die Nacht.
[Die allwissende Erzählerin, ihre Größe demonstrierend]: Meine persönlichen, magischen Zahlen sind Drei, Fünf, Acht, Zwölf und Dreizehn sowie Fünfzehn. Ich bilde die göttliche Trinität von Jugend, Reife und Alter. Als Venus zeichne ich in acht Jahren ein Pentagramm an den Himmel und erschaffe als erste Tochter des Mondes den weiblichen Zyklus des Lebens: Geburt, Wachstum, Reife, Tod, Wiedergeburt. Die Mondphasen spiegeln Geburt und Wachstum im zunehmenden Mond, die Schwelle zwischen Licht und Dunkelheit im Vollmond am fünfzehnten Tag, die Rückkehr im abnehmenden Mond sowie Tod und Wiedergeburt im Dunkelmond. Mit zwölf und dreizehn Monden variiere ich die Zeitspanne des Jahreskreises.
[Die allwissende Erzählerin, mit lässiger Erhabenheit]: Ich wandle als einzige Gottheit durch alle Sphären des bekannten Kosmos. Vom siebten Himmel stieg ich hinab und verzichtete auf meine himmlische Macht. Durch die sieben Pforten der Unterwelt stieg ich weiter hinab und starb. Am dritten Tag wurde mein Körper wiedererweckt und ich stieg durch das fünfzehnte Tor der Wiedergeburt erneut in den Himmel auf. Seither wechselt mein liebloser Gatte, der mir nicht zur Rückkehr ins Leben verhalf, zur Strafe jährlich zwischen Leben und Tod und schafft die vier Jahreszeiten. Durch meine Wiedergeburt erreichte ich den Zenit meiner Macht.
[Die allwissende Erzählerin, mit gemischten Gefühlen]: Doch meine Macht trug von Anfang an den Keim des Unfriedens in sich, da die erste Techne und ihre göttliche Vernunft auf der feudalen Ordnung des sumerischen Götterrates beruhen, an dem nur Götter teilnehmen dürfen, die von meinem Urgroßvater An, dem Gott des Himmels, abstammen. Meine Urgroßmutter ist Uraš, die Göttin der Erde. Gemeinsam bilden sie vielleicht die Verbindung zu den namenlosen Göttern des heiligen Berges, denn es heißt, der Anfang von Himmel und Erde habe keinen Namen. Doch das ist eine andere Geschichte, die vom Ursprung unserer Welt erzählt.
[Die allwissende Erzählerin, angepisst]: Nach uns kopierten viele andere, euch heute bekanntere Gottheiten, unsere Taten. Ich wurde zunehmend unzufriedener, weil daraus keine bessere Welt entstand. Also schwor ich den namenlosen Göttern und den Metakontexten des Anfangs, künftig für lebenslanges Lernen zu werben. Genervt von meiner eigenen Macht und Einflussnahme gab ich meine Führungsrolle auf und hoffte auf eine neue Techne, die allen lebenslanges Lernen und echte Entscheidungsfreiheit ermöglicht – eine Techne, die Orientierung durch Möglichkeiten gibt, ohne Einfluss auf die Wahl zu nehmen.
[Die allwissende Erzählerin, hoffnungsvoll]: Die Weisheits- und Schicksalstafeln verschmolzen mit mir zur Trinität des epischen Kontextes und es entstanden weitere lange Geschichten, die mich von Uruk über Babylon, Athen und Rom durch das Heilige Römische Reich in die zukünftige Stadt der Vernunft des lebenslangen Lernens führen sollten. Hier und jetzt erzähle ich die Geschichte von Alice und Archi, den Meisterarchitekten der Wandelhalle. Sie haben geschworen, eine neue Techne zu entwickeln, die eigene unbeeinflusste Entscheidungen leicht und Einflussnahme schwer macht, ohne das Dazulernen zu behindern. Die neue Techne betrachtet die Architektur des Lebens und befähigt jeden, es nach eigener Vernunft sinnstiftend mit Aufgaben zu füllen.
[MAKEORBUY, der oberste Metakontext salbungsvoll]: Möge die neue Techne aufgabenbezogene, individuelle Fortschritte, die für jeden zu einer besseren Welt führen, leicht machen und den klassischen Rationalismus, der für jedes Problem nur eine ideale Lösung kennt, schwer.
[Die allwissende Erzählerin, mit der hingebungsvollen Hoffnung der ersten Venus]: Möge dabei stets euer Wissen euren Glauben begrenzen, damit das Lernen niemals endet.






