Mein christliches Testament
Der Wegweiser für kluge Avantgardisten ist nicht folgenlos für den Glauben. Er kann den Glauben durch unser Wissen begrenzen!

Ralf Moser |
Mein christliches Testament |
Und erlöse uns von dem Übel |
2015 |

Hannah Moser |
Die Puppenspielerin |
2014 |

Hannah Moser |
Observation Deck |
2018 |
Mein christliches Testament
- Die Übel und die nötige Reformation
- Reformation und Transformation
- Glaubensbekenntnisse der Meisterarchitekten der Wandelhalle
Das Testament als Welttheater
Erzählt die Geschichte einer christlichen Erkenntnislehre des Heiligen. Im Testament wird der Sinn des christlchen Lebens durch einen selbstgewählten Sinn im Leben ersetzt. Schritt für Schritt entwickelt sich dabei die Architektur des christlichen Lebens.
Theatrum mundi 42 (TM42)
Theatrum mundi 42 ist die Medienplatform der Ateliers im Delta, auf der wir Carpe Diem et Noctem, Stadt der Vernunft, den Wegweiser für kluge Avantgardisten, Mein christliches Testament und die AiD Editionen von Hannah und Ralf Moser in Szene setzen.

Die Bühne, die uns die Welt bedeutet

Mein christliches Testament
– Eine christliche Erkenntnislehre des Heiligen
Das christliche Testament setzt sich über eine Erkenntnislehre des Heiligen mit den nach weiteren Reformen rufenden Teilen des christlichen Glaubens auseinander.
Bild aus: Ralf Moser | Mein christliches Testament | Und erlöse uns von dem Übel | 2015
„Wo Engel zögern: Unterwegs zu einer Epistemologie des Heiligen“ von Gregory und Mary Catherine Bateson ist ein Werk voller visionärer Gedanken und tiefgründiger Fragen. Es eröffnet Perspektiven, die weit über ein einzelnes Leben hinausreichen – ein Leben allein genügt nicht, um all die darin enthaltenen Einsichten und Rätsel vollständig zu erfassen.
Die Erkenntnislehre des Heiligen – Eine Reise jenseits der Grenzen des Wissens
Die Erkenntnislehre des Heiligen ist weit mehr als ein akademisches Unterfangen – sie ist eine Einladung zu einer tiefgründigen, offenen und ehrfürchtigen Auseinandersetzung mit dem, was jenseits unseres Lebens, unserer Erfahrung und unseres Wissens liegt. Inspiriert von den visionären Gedanken Gregory und Mary Catherine Batesons stellt sie die zentrale Frage: Was bedeutet das Heilige im Kontext von Erkenntnis, Wissenschaft und einer kybernetischen, am Lernen orientierten Modellbildung?
In einer Welt wachsender Komplexität wendet sich die Erkenntnislehre des Heiligen bewusst gegen vereinfachende und idealisierende Weltbilder. Sie folgt den Spuren des Heiligen – in alten Mythen, rituellen Handlungen, heiligen Schriften, in der Kunst und in der Tiefe menschlicher Erfahrung. Dabei wird „Lehre“ nicht nur als Vermittlung von Wissen verstanden, sondern als lebendige Praxis des Fragens, Verstehens, Verbindens – und des kreativen Erschließens neuer Möglichkeiten.
Diese Lehre wurzelt in einem Weltbild, in dem Glaube durch Beobachtung und Wissen begrenzt wird – und richtet sich zugleich gegen jede Form von Idealisierung, die das Geheimnisvolle, Magische und Nicht-Erklärbare einengt oder verdrängt. Die Ursprünge des Heiligen reichen tief: zu den Göttern und Geistern alter Religionen, zu magischen Praktiken, Opfergaben, heiligen Orten – und seit der Erfindung der Schrift auch zu den heiligen Texten, die nicht nur Wissen, sondern spirituelle Weisheit überliefern.
Die Erkenntnislehre des Heiligen ist ein offener Denkraum. Sie lädt dazu ein, Wissenschaft, Glaube und Spiritualität nicht als Gegensätze, sondern als Teile eines größeren Ganzen zu begreifen. Sie fragt:
Wie können wir das Heilige betrachten, ohne es zu entzaubern? Und wie können wir erkennen, ohne zu entheiligen?

Von Ahnen, Geistern, namenlosen Göttern und einem heiligen Berg
– Eine Erkenntnislehre des Heiligen
Es geht um die großen Fragen des Menschseins: den Kreislauf des Lebens und die Idee der Unsterblichkeit. Diese Themen gewannen bereits in Jäger- und Sammlerkulturen an Bedeutung und erreichten in den frühen, sesshaften Ackerbaugesellschaften einen ersten Höhepunkt.
Ralf Moser | Eine Erkenntnislehre des Heiligen | Der Opfertisch der Heiden| 2022
Ein entscheidender Wendepunkt war die Jungsteinzeit – die Zeit, in der der Ackerbau seinen Weg in die Welt fand. Sein Ursprung könnte mit einem besonderen Ort verbunden sein: dem ersten heiligen Hügel der Menschheit – Göbekli Tepe. Der Archäologe Klaus Schmidt (1953–2014) stellte die Hypothese auf, dass es sich dabei um ein steinzeitliches Bergheiligtum handelte. Er vermutete, dass sich hier erstmals verschiedene Jägergruppen zusammenschlossen, um gemeinsam eine rituelle Begegnungsstätte zu errichten.
Aus dieser Zusammenarbeit entstand mehr als nur ein heiliger Ort: Der Ackerbau und die Viehzucht entwickelten sich als direkte Folge. Die Jäger begannen, das wild wachsende Getreide am Berg gegen tierische und menschliche Konkurrenten zu verteidigen – ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Zivilisation.




Ralf Moser | Eine Erkenntnislehre des Heiligen | Die Braut und die heilige Hochzeit | 2022
Ralf Moser | Eine Erkenntnislehre des Heiligen | Der Skorpion der Braut | 2022
Ralf Moser | Eine Erkenntnislehre des Heiligen | Der Opfertisch der Heiden| 2022
Ralf Moser | Eine Erkenntnislehre des Heiligen | Das blutende Herz des Bräutigams | 2022
Klaus Schmidt brachte die Idee ins Spiel, dass es sich bei Göbekli Tepe um den heiligen Berg Du-Ku der Sumerer handeln könnte. Nach sumerischem Glauben wurden Ackerbau, Viehzucht und Webkunst von diesem heiligen Berg zu den Menschen gebracht. Auf Du-Ku lebten die namenlosen Götter – die Ahnen der sumerischen Götter. Auch wenn diese Verbindung rein spekulativ ist, bleibt sie eine faszinierende Vorstellung.
Unabhängig davon zeigen die Grabanlagen der Megalithkultur, dass sich die Menschen jener Zeit mit ähnlichen Themen beschäftigten wie die Sumerer: dem Kreislauf des Lebens, seiner Prägung durch das Sonnenjahr, die Jahreszeiten und die Mondphasen. Der Mond symbolisierte diesen Kreislauf besonders eindrucksvoll – sein Werden vom Neumond zum Vollmond und sein Vergehen zurück zum Neumond spiegelten Geburt, Leben und Tod wider.
Das Bild „Die Braut und die heilige Hochzeit“ zeigt ein Großsteingrab im Wildeshausener Geest an der Straße der Megalithkultur. Es entstand um 3.500 v. Chr., in einer Zeit, als die neolithische Revolution die ersten bäuerlichen Kulturen nach Nordwestdeutschland brachte. Die Nordwest-Südost-Ausrichtung des Grabes legt eine Verbindung zur Sommersonnenwende nahe, da es auf den Sonnenaufgang zu Mittsommer ausgerichtet ist. Die Steinreihen deuten zudem auf die Extrempunkte der Monddeklination hin – ein Hinweis auf die Bedeutung von Himmelsbeobachtungen für die Menschen jener Zeit.
Auch bei den Sumerern spielte die Himmelsbeobachtung eine zentrale Rolle. In ihren Mythen verkörpert die Braut der heiligen Hochzeit Inanna – die erste Tochter des Mondes, Morgen- und Abendstern sowie Fruchtbarkeitsgöttin. Sie wurde zur Herrin über Himmel und Erde, Leben und Tod. Später wurde sie in Babylon als Ištar verehrt. In der heiligen Hochzeit verlieh sie den Königen von Uruk göttliche Legitimation und versprach durch ihre Herrschaft Fruchtbarkeit, Schutz und Wohlstand.
Im Mythos „Inanna bringt das Himmelshaus auf die Erde“ begegnet sie dem Skorpion des Himmels und schlägt ihm den Schwanz ab – ein Teil des sumerischen Schöpfungsmythos, der später auch die Genesis im Alten Testament beeinflusste. Am Ende des Mythos erkennt Anu, der Himmelsgott, Inanna als Oberste der Anunna an – des göttlichen Rates, bestehend aus allen Göttern, die von Anu abstammen. Der ideale Staat der Sumerer war durch diesen Götterrat geprägt – ähnlich wie Platons Idealstaat durch den Philosophenrat.
Im Mythos „Inanna und Enki“ gelingt es ihr, die Tafeln der Weisheit und des Schicksals aus Eridu nach Uruk zu bringen – ein Akt, der sie endgültig zur Herrscherin über die Götterwelt erhebt.
Auch das Opfern von Speisen und Getränken – vermutlich ein Brauch aus der neolithischen Revolution – wurde von den Sumerern übernommen und diente dem Erhalt der Fruchtbarkeit der Erde. Das blutende Herz des Bräutigams symbolisiert die Sterblichkeit der Könige von Uruk und ihren Wunsch nach Unsterblichkeit.
Der bekannteste König von Uruk ist Gilgamesch. Das ihm gewidmete Epos erzählt von seiner Freundschaft mit Enkidu, ihren gemeinsamen Heldentaten und seiner verzweifelten Suche nach Unsterblichkeit nach Enkidus Tod. Am Ende erkennt Gilgamesch, dass Unsterblichkeit nur den Göttern vorbehalten ist – Leben und Tod sind untrennbare Bestandteile der menschlichen Existenz.

Die Übel und die notwendige Reformation
Das christliche Testament setzt sich mit den nach weiteren Reformen rufenden Teilen des christlichen Glaubens auseinander.
Bild aus: Ralf Moser | Mein christliches Testament | Und erlöse uns von dem Übel | 2015
Glaubensbekenntnisse der Meisterarchitekten der Wandelhalle
Bekennende Metaloge
Lasset unser Wissen unseren Glauben begrenzen
Das Galilei-Problem trifft alle idealisierenden Religionen in ihrer feudalen Machtstruktur. Wie sehen die frohen Botschaften aus, wenn die feudale Machtstruktur einer Religion nicht den Sinn des Lebens bestimmt, sondern hilft, den Sinn im Leben zu finden?
Metalog der allwissenden Erzähler zum Eintritt ins Paradies |« M»|
in der Stadt der Vernunft des lebenslangen Lernens
[Der allwissende Erzähler, inbrünstig, Ehrfurcht gebietend und fast schon erhaben]:
Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnungen fahren!
[Die allwissende Erzählerin, auf der Metametaebene erzählend]: Die allwissende Erzählerin schüttelt sich in der Rolle des allwissenden Erzählers vor Lachen, während sie sich den angeklebten Bart abnimmt.
[Die allwissende Erzählerin, auf der Metametaebene losprustend]: Keine Angst, ihr müsst in nichts eintreten!
[Die allwissende Erzählerin, jetzt ohne Bart aber erneut Ehrfurcht gebietend]:
Höret und Sehet!
Das ist gefährlich genug für eure unsterblichen Seelen.
[Die allwissende Erzählerin, auch auf der Metametaebene das Lachen unterdrückend]: Die allwissende Erzählerin prustet ohne Bart wieder los. Es entsteht erneut eine Pause, bis sie sich ans Publikum wendet.
[Die allwissende Erzählerin, auf der Metametametaebene vertraulich zum Publikum gewandt]: Verehrtes Publikum, es tut uns mir sehr leid, aber so etwas wollte er sie ich schon immer mal machen! Mit der Routine der professionellen Erzähler wollen wir jetzt zur geistigen Ruhe zurückfinden.
[Die allwissende Erzählerin, auf der Metaebene erzählend]: Ich dachte, ein solcher Anfang wäre für uns alle viel lustiger. Vielleicht seid ihr schon vor zu langer Zeit durch das Höllentor des klassischen Rationalismus gegangen, in dem es für ein Problem nur eine ideale Lösung gibt. Vielleicht waren die durchgestrichenen Worte und der Eintritt ins klassische Höllentor zu viel der göttlichen Komödie und eure unsterblichen armen Seelen warten schon zu lange darauf, vom Glück gefunden zu werden.
[Die allwissende Erzählerin, ehrfurchtgebietend]:
Verehrtes Publikum, Philosophen, Künstleringenieure, Künstlerarchitekten, Meisterarchitekten!
Hört mich an!
[Die allwissende Erzählerin, besorgt]: Bemerkt ihr noch, dass ihr, obwohl ihr glaubt, euch vom Idealismus befreit zu haben, nur durch das postmoderne Höllentor eines neuen Idealismus getreten seid? Jetzt schmort ihr in der postmodernen Vorhölle des idealen Vorgehens; denn euer methodisches Denken, eure Dekonstruktion, eure anderen Methoden und eure Sprachspiele sind immer noch eine ideale Lösung aus einer virtuellen Welt; daran wird weder die Dekonstruktion noch Sprachspiele etwas ändern.
Wollt ihr die Architektur des guten Lebens in der realen Welt verstehen und dazu lernen?
[Die allwissende Erzählerin, unsicher]: Seid ihr bereit, den klassischen Rationalismus und den Idealismus gehen zu lassen? Seid ihr bereit, auch das methodische Denken sein zu lassen und wieder dazu zu lernen?
[Die allwissende Erzählerin, ernst]: Wollt ihr vom Idealismus zur Ingenieurwissenschaft fortschreiten und eure Probleme wie ein Meister- und Künstlerarchitekt lösungsneutral aufstellen? Seid ihr bereit eure Entscheidungen selbstverantwortlich und vor allem selbst zu treffen?
[Die allwissende Erzählerin, spöttisch]: Oder zieht ihr in eine weitere, ideale Welt weiter: in Leonardos Welt, wie sie sich ein Idealist methodisch denkt, ohne die Ingenieurwissenschaft betrachtet, zitiert oder verstanden zu haben; ohne je den Unterschied zwischen wertend und durch Werturteile bevormundend verstanden zu haben. Oder wollt ihr etwas über die Architektur des guten Lebens lernen?
[Die allwissende Erzählerin, hoffnungsvoll]: Möge die Zeit der Meister- und Künstlerarchitekten wirklich gekommen sein! Mögen wir uns alle von Methoden und idealen Lösungen lösen und damit beginnen, unsere Probleme selbstverantwortlich und lösungsneutral aufzustellen! Vielleicht spielt dann das Geschlecht in der Tat keine Rolle mehr und ich kann meinen Bart für schlechte Zeiten weglegen!
[Die allwissende Erzählerin, lustvoll]: Die Geschichten des Testaments basieren auf der Architektur des Wissenstransfers des Wegweisers, das Wissen ohne Werturteile und ohne Bevormundung durch die Wissenschaft in die Praxis transferiert. Tretet durch das Mauseloch M ein in die Wandelhallen des ewigen Donners in der Stadt der Vernunft des lebenslangen Lernens. «Wandelhalle» ist der Name der Schule des Aristoteles in der Sprache der Stadt der Vernunft. Ihr griechischer Name ist «Peripatos». Alice und Archi schlendern auf das Mauseloch «M» und die Brücke des Carlo zu.
[Die allwissende Erzählerin, nachdenklich]: Einfach werden sie es nicht haben. Auch nach vierzigtausend Jahren geht eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass all die postmodernen Affen vom idealistischen Baum der Erkenntnis runterkommen. Auch heute hat es ein avantgardistischer Affe noch schwer, wenn er vom Baum steigt, den aufrechten Gang übt und eine neue, bessere Vernunft in der Steppe sucht!
[Alice, amüsiert]: Bei schönen Frauen bist Du doch normalerweise nicht auf den Mund gefallen. Da könntest Du doch die Geschichte erzählen, die Dir wie auf den Leib geschnitten ist. Eine mit A. und O. und der Schlange.
[Archi, nachdenklich]: Welche meinst Du?
[Alice, amüsiert]: Na, welche werde ich schon meinen. Alles muss man selber machen. Also erzähle ich sie selbst: Und so spielt die Geschichte mit den Kontexten von [A.] und [O.].

Ralf Moser |
Mein christliches Testament |
Und erlöse uns von dem Übel |
Der existenzialistische Stein des Anstoßes |
2015 |
[Alice, auf der Metaebene der Geschichte erzählend]:
A. müht sich in der Hitze des Mittags ab, einen Stein einen Berghang hinauf zu rollen. Kurz vorm Gipfel scheitert er immer wieder und der Stein rollt immer wieder zurück. Entkräftet setzt er sich in den Schatten des Steins als seine Frau O. eintrifft und ihm eine Stärkung bringt. Sie nimmt ein Brot aus dem mitgebrachten Korb, bricht es und hält A. das abgebrochene Stück Brot hin.
O. fürsorglich: «Ich habe einen Laib Brot mitgebracht. Möchtest Du ein Stück?»
A. nimmt das Stück Brot kraftlos entgegen und beißt wortlos ein Stück ab. Eine Schlange, die in einiger Entfernung im Grass liegt, hebt den Kopf, um die Szene besser beobachten zu können.
O.: verführerisch lächelnd : «Ich habe auch Wein und Trauben dabei. Möchtest Du?»
A. schüttelt den Kopf und lächelt ein wenig gequält.
O.: lächelnd: «Ja ich weiss, bei der Hitze tut es Dir nicht gut, mittags schon Wein zu kosten. Ein paar Trauben vielleicht?»
A. schüttelt erneut den Kopf und lächelt weniger gequält.
O.: verführerisch lächelnd: «Na dann vielleicht heute Abend.»
Na hoffentlich hat heute Abend nicht schon ein Anderer vom Würzwein und den Trauben gekostet, denkt sich die Schlange und kriecht näher, um besser sehen zu können. Warum muss der Kerl dauernd den Stein hoch und runter rollen. Das ist doch absurdes Theater!
O. interessiert: «Warum willst Du den Stein überhaupt auf den Berg schaffen? Da stellt man doch normalerweise ein Gipfelkreuz auf.»
A. setzt zu einer Antwort an, aber O. ist schneller.
O. besorgt, aber auch vorwurfsvoll: «Und wenn Du in der Hitze noch einen Schlag bekommst, dann bist Du heute abend wieder hundemüde und man kann nichts mehr mit dir anfangen.»
A. setzt erneut zu einer Antwort an, aber O. ist wieder schneller.
O. kämpferisch zu sich selbst redend: «Man muss sich heute nicht mehr selbst opfern. Wir können jetzt der Selektion der Natur mit anderen Mitteln begegnen und können unsere Erwartungen, unsere Ideen und unsere Vermutungen für uns sterben lassen.»
Popper, denkt die Schlange, Spätwerk, das mit den Welten.
A. überzeugt: «Dieser Fels gehört dem Herrn. Ich will ihn auf den Berg schaffen, dem Herrn ein neues Kunstwerk bauen und beten.»
Der war zu lange in der Sonne, denkt die Schlange und kriecht näher zu den Beiden hin. Der Stein soll wohl ein Readymade sein. Evangelisch, denkt sich die Schlange, zu hartes Brot für einen Katholiken.
A. schaut O. an, aber O. hängt noch ihren eigenen Gedanken nach. In Gedanken wär der Stein in Nullkommanichts oben, denkt sie.
O. nachdenklich nach der Funktion fragend: «Wozu?»
Als sie A.’s fragendes Gesicht sieht, korrigiert sie sich.
O. in A.’s Weltbild nach dem Grund fragend: «Warum?»
A.: «Ich nehme meinen selbstgewählten Gott in selbstgewählter Weise an, unterwerfe mich ihm und folge ihm nach. Das ist doch auch die Grundlage unseres Paktes. Wir erfüllen in Freiheit die Regeln, welche die Gesellschaft an uns stellt; aber wir sind frei unser Schicksal anzunehmen. Wenn wir es ablehnen, gehen wir aus freien Stücken in den Tod.»
Ein evangelischer Existentialist, denkt die Schlange. Der hat bestimmt Angst vor Veränderungen, weil er von den vielen Möglichkeiten überfordert ist und jede Entscheidung auf die Goldwaage legt.
O.: «Hat die Realität in deinen Gedanken nicht das falsche Gewicht? Sollte da nicht mehr Hoffnung auf Veränderung sein?»
Die Kleine hat’s auch kapiert, denkt die Schlange. Und sie kennt Murakami, kluges Kind.
A.: «Vielleicht wird es dann schlechter. Vielleicht wird es dann nie wieder Gut.»
Hab ich es mir doch gedacht, denkt die Schlange, ein Existenzialist, den man einfach so in die böse Welt geworfen hat.
O.: «Vielleicht würde es uns besser gehen! Vielleicht riskierst Du zu wenig. Vielleicht fühlst Du auch nicht diese unbändige Lust auf Veränderung. Ist es nicht besser, wenn sich einfach mal was ändert?»
A. schaut unglücklich auf seinen Stein. O. steht auf und sammelt sich.
Für den ist nur weitermachen einfach, denkt sich die Schlange.
O. bittend: «Komm nicht zu spät nach Hause, damit wir uns noch einen schönen Abend machen können.»
A. zuversichtlich: «Ich probier’s nur noch einmal.»
O. wendet sich ab und geht. A. entspannt sich und sieht verträumt ins Leere. Die Schlange kriecht neugierig heran.
Schlange Besorgnis heuchelnd: «Wohin geht die Kleine so alleine?»
A. überrumpelt: «Nach hause.»
Schlange vorwurfsvoll: «Und was machst Du noch hier?»
A.: «Ich stimme mich mental darauf ein, den Stein auf den Berg zu rollen. Ich hab mir vorgestellt, ich steh oben mit meinem Stein auf dem Gipfel.»
Jetzt sitzt er da mit seinem Stein und träumt sogar noch davon, ihn auf den Berg zu rollen, denkt sich die Schlange kopfschüttelnd. Ohne die Kleine würde der noch im Paradies sitzen, saufen und Fußball glotzen. Kein Wunder dass, die Kleine ständig das Gefühl kriegt, sie muss da raus.
Die Schlange sitzt immer noch kopfschüttelnd vor A., als der sich abwendet und demütig den Blick senkt.
A.: «Und erlöse uns von dem Übel.»






